Archiv für den Monat: Oktober 2014

Ich bin nicht kreativ …

Blogbeitrag von Stefan Reutter

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Ein Pissoir als Kunststück deklarieren, den Reichstag verpacken, die Baumstämme im Stadtzentrum mit buntem Garn einstricken: Solche Ideen gelten als hochgradig kreativ. Und sie sind es auch! Sie stammen auch alle von Weltklassekünstlern! Interessanterweise geht aber oftmals die Zuschreibung der Kreativität mit der Behauptung einher, man selbst käme nieeeee auf eine solche Idee – und sei folglich völlig unkreativ.

Solche „Ich-mach-mich-klein-Äußerungen“ bringen mich richtig auf die Palme. Denn ich bin überzeugt, dass jeder Mensch kreativ ist. Nur nicht jeder auf die gleiche Art und Weise.

Überlegen Sie mal, wer sind denn die sogenannten „Kreativen“? Die jungen, hippen Hornbrillenträger, die meditierend im bunten Think Tank ihrer Werbeagentur sitzen und brennende Mülltonnen sehen? Die Berliner, die wilde Happenings am Potsdamer Platz organisieren, und mit vierzig noch in ihrer WG wohnen – weil es im Leben ja um Kunst geht, und Geld unwichtig ist? Sind es Menschen wie Marcel Duchamp, Christo und Jeanne-Claude oder Marion Eichmann? Meine Antwort ist ganz klar Nein. Oder nicht nur.

Kreativität kann sich in Kunst äußern, ja. Aber sie kann auch ganz unkünstlerisch daherkommen. Vor allem bedeutet kreativ zu sein nicht unbedingt, wilde, künstlerische Dinge zu tun. Das sagt schon der Begriff. Das Lateinische „creare“ heißt so viel wie „etwas neu schöpfen, erfinden, erzeugen, herstellen“. Das geht nicht nur zu Hause am Herd, wenn Sie Zutaten auf völlig neuartige Weise mischen, sondern auch am Arbeitsplatz. Und zwar an jedem! Kreativ zu sein, bedeutet ja nichts anderes, als Dinge anders zu tun. Anders als andere. Anders als das, was schon da ist.

Die Frage ist nur: Unter welchen Umständen entsteht Kreativität? Ich habe zwei Settings identifiziert.

  1. Die Not

Seit über 16 Jahren gebe ich Seminare. Und seit über 16 Jahren nervt es mich, meine Flipcharts zusammengerollt zu lagern. Nach dem Auspacken hängen sie nie gerade! Eines Tages hatte ich die Nase voll. Ich habe mich umgeschaut, und vor mir stand ein fahrbarer Kleiderständer. Sofort machte es klick! So wie die Hemden faltenfrei daran hängen, so könnten auch meine Flips hängen! Also habe ich mir ein System gebastelt, um sie an Bügeln aufzuhängen und einen Karton an die Flipcharts geklebt, damit die nicht knicken. Eingespannt. – Verklebt. – Fertig. Später entdeckte ich übrigens, dass es die sogenannten „Flipchart-Butler“ fix und fertig zu kaufen gab…

Ob ich mit der Idee einen Kreativ-Award gewinnen würde? Wurscht. Fakt ist: Aus der Not heraus hatte ich mir eine wunderbare unkonventionelle Lösung geschaffen.

  1. Der Anspruch

Bei einem meiner Trainings – es ging um telefonische Terminvereinbarungen – hatte eine Teilnehmerin vortelefoniert, und ihre Kollegen konnten danach gar nicht anders, als laut und lange zu klatschen. Was war passiert? Sie hatte sich in den 15 Minuten Vorbereitungszeit sehr gute Gedanken gemacht. Und hat nicht nur eine extrem einfühlsame Sprache verwendet, sondern durch ihre Haltung, ihre Art und dem, was sie gesagt hat, auch 100% authentisch gewirkt. Da war Talent dabei, sicher, vor allem aber ein hoher Anspruch. Der Anspruch, eine Sache besonders gut zu machen.

Sie wollen, dass etwas besonders schön wird. Dass es sich besonders gut anhört. Dass etwas besonders gut funktioniert. Und dann hängen Sie sich rein. Dann entsteht etwas Ureigenes und ganz Besonderes. Und während Sie das tun, kommen Ihnen schon die nächsten Ideen, wie Sie es noch besser hinkriegen. Und dann sind Sie mitten drin, in einem kreativen Prozess. Sie sind im Flow. Dazu müssen Sie nun wirklich kein kiffender Künstler sein.

Also: Not oder Anspruch? Eins von beiden brauchen Sie, um kreativ zu sein. Sehen Sie jetzt, warum Kreativrunden so selten fruchten? Not oder Anspruch gibt es nicht auf Knopfdruck. Aber den Anspruch können Sie kultivieren. Je nachdem, wie Sie an eine Sache rangehen, können Sie kreativ sein – oder eben nicht.

Oh und noch was: Lassen Sie sich bitte nicht weismachen, es wäre ja wohl völlig klar, was kreativ ist – und was nicht.

Kreative Autoresponder

Zum Thema Autoresponder wurde schon einmal in der Rubrik „Kreativ durch die Schwangerschaftsdemenz“ geschrieben aber das Thema brennt mir wieder unter den kreativen Nägeln.

Da ich momentan verschiedene Einladungen zu offenen Veranstaltungen versende (VORSICHT EIGENWERBUNG: 13.11. Stuttgart und 18.11. Bremen), erhalte ich auf Emails sehr oft Nachrichten von Autorespondern. Wir kennen sie alle und die meisten von uns nutzen ihn selbst. Aber dem Wächter der höflichen Kommunikation stellt es dabei immer noch die Rückenhaare auf.

Natürlich soll ein Autoresponder vor allem informieren. Der Absender will mitteilen, wann er wieder erreichbar ist und eventuell wird noch ein zweiter Informationskanal, sprich ein anderer Ansprechpartner genannt. Vor kurzem meinte eine Workshopteilnehmerin dazu: „Die wollen doch einfach nichts arbeiten, darum wälzen sie die Nachricht auf jemanden andren ab“. Nun, ich bin nicht dieser Meinung und denke vor allem nicht, dass wir hinter allem das Negative und schlimmste suchen und erwarten sollten. Wer natürlich immer schwarz sehen will, muss nur sein Loch tief genug graben – aber das ist ein anderes Thema.

Warum kann die Antwort aber nicht auch kreativ sein? Warum ist es nicht gleichzeitig das Ziel, dem Kommunikationspartner ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern? Und es ist und bleibt ein Kommunikationspartner – auch wenn die Nachricht in meiner Abwesenheit versendet wird.

Trotzdem lesen wir von nackten Tatsachen ohne jegliche persönliche Note:
„Bin nicht da.“
„Am xx.xx.2014 zurück.“
oder das klassische „Mails werden nicht gelesen. Melden Sie sich nach meiner Rückkehr wieder.“

Liebe Verfasser, auch wenn diese Nachricht eine Maschine versendet, sind Sie es der sie geschrieben hat. Und ich als Leser verbinde die Nachricht mit Ihrer Person. Wenn dort kein Hallo, keine Grüße, mangelnde Informationen enthalten sind, dann sammeln Sie kaum Pluspunkte.

Warum sollte ein Autoresponder nicht so formuliert sein, dass er mich neugierig macht? Das er mich innerlich auffordert, mich sofort nach der Rückkehr des Senders wieder zu melden? Oder das ich mich gemeinsam mit dem Absender über seinen Urlaub, sein Abenteuer freuen kann. Aber vor allem – warum sollte er nicht auf das Angebot, die Expertise hinweisen, die ich selbst habe und anbiete?

In einem Workshop haben wir dazu die Kopfstandmethode eingesetzt. Die „gedrehte“ Eingangsfrage lautete: „Wie gelingt es, dass unser Autoresponder dermaßen abschreckt, um jeglichen Kontakt für immer anzubrechen und dafür zu sorgen, dass der Empfänger auch sein Umfeld vor uns warnt.“
Durch dieses extreme Denken ins negative (die genannten schwarzen Löcher von oben) gelingt es oftmals außergewöhnlichere Ideen zu sammeln, schneller außerhalb der bekannten Wege zu denken.
Nach dieser ersten „bösen“ Denkeinheit arbeitet man mit den gesammelten Ideen weiter, lässt sich von ihnen inspirieren, assoziiert und dreht sie wieder ins positive. Und ja, es funktioniert.

Eine PR-Beraterin wird ihren Responder in Zukunft als Pressemeldung im Tickerstil verfassen.
„Bremen, 16.10.2014
Mit sofortiger Wirkung, reiste Frau XXX heute in ein bekanntes Erholungsgebiet. Aufgrund der Notwendigkeit zur Erholung und eingeschränkter Kommunikationsmittel, werden wir nur vereinzelt Nachrichten aus dem Gebiet erhalten…. usw.“

Ein Trainer und Coach für Führungskräfte wird über den Grund seiner Abwesenheit in Bezug zum Thema Führung sprechen. Und das kann sein, dass seine Führungskraft, sprich Ehefrau die Kommunikationsmittel im Urlaub strikt reduzieren will.

Ich selbst nutze die kreative Kraft des Gehirns meiner Leser: „Dnen Abhiewneset knan man acuh keraitv furmlieroen“.

In diesem Sinne. Nehmen Sie sich etwas Zeit für Ihren Autoresponder und überlegen Sie, wie Sie sich damit von anderen Anbietern, vom Markt positiv unterscheiden können. Er hat es verdient.

Möge die Kreativität mit Ihnen sein – Ihr Kreativitätskatalysator Nils Bäumer