Archiv für den Monat: November 2014

Wir müssen nicht kreativ sein…

…NOCH nicht.

In der deutschen Politik wird Kreativität oftmals als die letzte Chance für das Bestehen der deutschen Wirtschaft genannt. Und auch Unternehmen bekommen durch das öffentliche Meinungsbild den Eindruck, das sie kreativ (und daraus folgend auch innovativ) sein müssen, um zu überleben.

Ich bin nicht ganz dieser Meinung.
Wer mich kennt, fragt jetzt zu Recht: Waaaaas? Du als Kreativtrainer solltest doch gerade die Meinung vertreten, dass wir alle kreativ sein müssen.

Nein. Müssen wir nicht. Noch nicht.

Ein paar Gedanken vorweg. Kreativität ist die Eigenschaft, die uns Weiterentwicklung und Veränderung ermöglicht. Wir brauchen Sie aber nicht in allen Lebenslagen und nicht jederzeit. Für mich ist Kreativität eine bewusste Einstellung, eine bewusste Entscheidung dahingehend, dass ich meine Potentiale in diesem Bereich nutzen und verbessern kann und will. Es ist Arbeit für mein Gehirn und anstrengend. Aber ganz sicher gibt es Arbeitsschritte und Situationen, in denen ich meine Kreativität ebenso bewusst nicht nutze – soweit mir das gelingt.

Ungern würde ich von einem Piloten vor der Landung hören, dass er heute einmal ganz kreativ mit dem Wind landet oder eine seitliche Landungskurve mit anschließendem Donut auf der Piste austesten will. Und auch meinem Chirurgen empfehle ich vor der Operation am eigenen Körper nicht die kreative OP: „Versuchen sie es mal mit der anderen Hand, dass fördert nämlich die Kreativität“.

Ebenso gibt es Unternehmen, die in den kommenden Jahren mit einem passenden Preis / Leistungsverhältnis, einer hohen Qualität und „zuhörender“ Kundenansprache äußerst erfolgreich auf dem Markt bestehen werden. Umso weiter wir aber in die Zukunft schauen, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass dies allein nicht mehr ausreicht.

In der Zukunft wird sich unser Leben weiter beschleunigen, Veränderungen werden immer schneller umgesetzt und zur Gewohnheit. In diesem flexiblen Umfeld und mit dem Ziel ein Unternehmen auch in 100 oder 200 Jahren erfolgreich zu positionieren, brauche ich Kreativität. Wir kommen nicht darum herum, das kreative Potential der eigenen Mitarbeiter (und auch Kunden) zu nutzen und produktiv einzusetzen – es wird eine Voraussetzung.

Was für Unternehmen gilt, gilt auch für uns als Einzelperson. Wir leben in einer tollen Zeit, in der das Thema Kreativität immer mehr an Bedeutung gewinnt. Noch müssen wir unsere Kreativität nicht zwingend einsetzten und nutzen. Noch reicht es auch für uns, wenn wir ausreichend Faktenwissen sammeln und den Lehrmethoden von Schule und Universitäten folgen. Querdenker werden zwar gesucht, aber wenn wir sie gefunden haben, will sie keiner so richtig bei sich haben. Wir leben in einer Zeit, in der wir kreativ sein können.

Auch dies wird sich ändern. Mitte dieses Jahrhunderts werden nach heutigen Schätzungen annähernd 10 Milliarden Menschen auf der Erde leben. Schon heute ist die Bereitstellung und Verteilung von Ressourcen eine Herausforderung, die nur bedingt funktioniert (und bedingt ist schon positiv formuliert). Die Herausforderungen an uns als Menschheit werden immer weiter wachsen. Herausforderungen, die einzelne Personen nicht mehr bewerkstelligen können, sondern für die wir die Kraft und den Einsatz der Menge benötigen.

Kreativität hat mit dazu geführt, dass wir vor diesen Problemen stehen. Denn Kreativität führt zu „positiven“ wie auch zu „negativen“ Erfindungen und Veränderungen. Die Kreativität von Einzelnen wird aber nicht ausreichen uns vor den Folgen aller industrieller Errungenschaften zu bewahren. Hierfür benötigen wir die Kreativität der Vielen.
Wir fangen bereits an in ersten Schritten damit zu arbeiten indem soziale Netzwerke, Crowdfunding Projekte, Open Innovation Plattformen usw. immer lebendiger werden. Toll.

Ich wünsche mir aber mehr. Ich wünsche mir das Fach Kreativität in unseren Schulen, ich wünsche mir Kreativität als eigenständiger Lehrstuhl an Universitäten. Nein, nicht Innovation und irgendetwas dahinter – nur Kreativität als Eigenschaft, als Fähigkeit, die es zu fördern und zu erforschen gilt.
Ich wünsche mir eine kreative Grundhaltung in der Bevölkerung, mit der jeder jeden Tag z.B. daran arbeitet seinen Stromverbrauch zu senken oder seine individuelle Müllproduktion zu verringern. Nicht, weil es dafür monetäre Anreize gibt, sondern weil er im kreativen Punkteranking mit seinem Nachbarn einen freundschaftlichen Wettstreit hat und diesen beim gemeinsamen Grillabend in der Nachbarschaft vergleicht wie heute schon einige ihren Klout Punktezahl. Warum gibt es eigentlich noch keinen Klout Score für Kreativität? Ich wünsche mir Menschen die täglich die Herausforderungen dieser Welt kreativ, individuell und im Team lösen, weil sie ihre Kreativität gerne und mit Begeisterung einsetzten, weil sie es so gelernt haben.

Noch können wir kreativ sein. In wenigen Jahren sollten wir kreativ sein. In einigen hundert Jahren müssen wir kreativ sein. Ich freu mich darauf.

Vortragsredner Nils Bäumer

„Möge die Kreativität mit Ihnen sein“ – Ihr Kreativitätskatalysator Nils Bäumer