Ich bin nicht kreativ …

Blogbeitrag von Stefan Reutter

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Ein Pissoir als Kunststück deklarieren, den Reichstag verpacken, die Baumstämme im Stadtzentrum mit buntem Garn einstricken: Solche Ideen gelten als hochgradig kreativ. Und sie sind es auch! Sie stammen auch alle von Weltklassekünstlern! Interessanterweise geht aber oftmals die Zuschreibung der Kreativität mit der Behauptung einher, man selbst käme nieeeee auf eine solche Idee – und sei folglich völlig unkreativ.

Solche „Ich-mach-mich-klein-Äußerungen“ bringen mich richtig auf die Palme. Denn ich bin überzeugt, dass jeder Mensch kreativ ist. Nur nicht jeder auf die gleiche Art und Weise.

Überlegen Sie mal, wer sind denn die sogenannten „Kreativen“? Die jungen, hippen Hornbrillenträger, die meditierend im bunten Think Tank ihrer Werbeagentur sitzen und brennende Mülltonnen sehen? Die Berliner, die wilde Happenings am Potsdamer Platz organisieren, und mit vierzig noch in ihrer WG wohnen – weil es im Leben ja um Kunst geht, und Geld unwichtig ist? Sind es Menschen wie Marcel Duchamp, Christo und Jeanne-Claude oder Marion Eichmann? Meine Antwort ist ganz klar Nein. Oder nicht nur.

Kreativität kann sich in Kunst äußern, ja. Aber sie kann auch ganz unkünstlerisch daherkommen. Vor allem bedeutet kreativ zu sein nicht unbedingt, wilde, künstlerische Dinge zu tun. Das sagt schon der Begriff. Das Lateinische „creare“ heißt so viel wie „etwas neu schöpfen, erfinden, erzeugen, herstellen“. Das geht nicht nur zu Hause am Herd, wenn Sie Zutaten auf völlig neuartige Weise mischen, sondern auch am Arbeitsplatz. Und zwar an jedem! Kreativ zu sein, bedeutet ja nichts anderes, als Dinge anders zu tun. Anders als andere. Anders als das, was schon da ist.

Die Frage ist nur: Unter welchen Umständen entsteht Kreativität? Ich habe zwei Settings identifiziert.

  1. Die Not

Seit über 16 Jahren gebe ich Seminare. Und seit über 16 Jahren nervt es mich, meine Flipcharts zusammengerollt zu lagern. Nach dem Auspacken hängen sie nie gerade! Eines Tages hatte ich die Nase voll. Ich habe mich umgeschaut, und vor mir stand ein fahrbarer Kleiderständer. Sofort machte es klick! So wie die Hemden faltenfrei daran hängen, so könnten auch meine Flips hängen! Also habe ich mir ein System gebastelt, um sie an Bügeln aufzuhängen und einen Karton an die Flipcharts geklebt, damit die nicht knicken. Eingespannt. – Verklebt. – Fertig. Später entdeckte ich übrigens, dass es die sogenannten „Flipchart-Butler“ fix und fertig zu kaufen gab…

Ob ich mit der Idee einen Kreativ-Award gewinnen würde? Wurscht. Fakt ist: Aus der Not heraus hatte ich mir eine wunderbare unkonventionelle Lösung geschaffen.

  1. Der Anspruch

Bei einem meiner Trainings – es ging um telefonische Terminvereinbarungen – hatte eine Teilnehmerin vortelefoniert, und ihre Kollegen konnten danach gar nicht anders, als laut und lange zu klatschen. Was war passiert? Sie hatte sich in den 15 Minuten Vorbereitungszeit sehr gute Gedanken gemacht. Und hat nicht nur eine extrem einfühlsame Sprache verwendet, sondern durch ihre Haltung, ihre Art und dem, was sie gesagt hat, auch 100% authentisch gewirkt. Da war Talent dabei, sicher, vor allem aber ein hoher Anspruch. Der Anspruch, eine Sache besonders gut zu machen.

Sie wollen, dass etwas besonders schön wird. Dass es sich besonders gut anhört. Dass etwas besonders gut funktioniert. Und dann hängen Sie sich rein. Dann entsteht etwas Ureigenes und ganz Besonderes. Und während Sie das tun, kommen Ihnen schon die nächsten Ideen, wie Sie es noch besser hinkriegen. Und dann sind Sie mitten drin, in einem kreativen Prozess. Sie sind im Flow. Dazu müssen Sie nun wirklich kein kiffender Künstler sein.

Also: Not oder Anspruch? Eins von beiden brauchen Sie, um kreativ zu sein. Sehen Sie jetzt, warum Kreativrunden so selten fruchten? Not oder Anspruch gibt es nicht auf Knopfdruck. Aber den Anspruch können Sie kultivieren. Je nachdem, wie Sie an eine Sache rangehen, können Sie kreativ sein – oder eben nicht.

Oh und noch was: Lassen Sie sich bitte nicht weismachen, es wäre ja wohl völlig klar, was kreativ ist – und was nicht.

Ein Gedanke zu „Ich bin nicht kreativ …

  1. Ich würde gern noch etwas anmerken. Kreativität besteht oft auch nur daraus, den erstmal abwegig scheinenden Gedanken auszusprechen. Menschen, die erstmal nicht kreativ wirken, haben oft Angst, sich mit kreativen Gedanken lächerlich zu machen. Aber im Prinzip gilt da der BrainstormingAnsatz, erstmal ausprechen und später prüfen…;-)

    In diesemSinne
    Stefan Schnelle
    (Und danke für die Methapher „Kiffender Künstler“, die werde ich sicher in Kürze in meinem Blog aufgreifen…)

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